Sonntag, 1. November 2009

Flut, Glasgow and Rock 'n Roll!


Am Freitag wars also soweit. Paradise Lost Konzert in Glasgow, der Tag vor dem ich mich gefürchtet habe. Natürlich hab ich mich auch irrsinnig drauf gefreut, weil ich mir die Stadt unbedingt anschaun wollte und das neue Paradise Lost- Album voll super ist, aber gefürchtet  hab ich mich trotzdem, weil ich noch nie allein auf einem Konzert war, geschweige denn allein in einem Hotel übernachtet habe, geschweige denn in einer mir unbekannten Großstadt. Außerdem hört man lauter unangenehme Dinge über Glasgow angefangen bei Messerstechereien über Fußballhooligans bis zu Raubüberfällen vor Polizeistationen. Aber es war im Endeffekt ein spannendes und absolut wiederholenswertes Erlebnis, und vorneweg: ich hatte so viel Spaß wie schon lange nicht mehr!

Schon im Bus hab ich vor Aufregung nicht stillsitzen können. Das hört sich vielleicht etwas kindisch an, war aber so. Nachdem die Busfahrt mich durch halb Schottland geführt hat, bin ich zwischendurch beim aus-dem-Fenster-schauen teilweise auf wirklich atemberaubende Ausblicke gestoßen: Hügel, Flüsse, das Meer und natürlich Schafe (aber die warn nicht so atemberaubend). In Aberdeen war das Wetter ausnahmsweise traumhaft (also trocken halt), dafür aber selbstverständlich in Glasgow eine Katastrophe.

Als ich aus dem Bus gestiegen bin war ich erstmal gleich noch euphorischer. Soo viele Leute! Ich hatte endlich mal wieder das Gefühl, in einer richtigen Stadt zu sein. Das wiener Großstadt-Flair geht mir nämlich schon ein bisschen ab, auch wenn Wien jetzt auch keine besonders große Großstadt ist. Leider hatte der Bus Verspätung und es war schon dunkel (mittlerweile wirds schon so zwischen 4 und 5 finster), deshalb waren meine Pläne, mir vor dem Konzert die Stadt noch ein bisschen anzuschauen, nicht zu verwirklichen. Nur in welche Richtung soll ich gehen? Das war am Anfang ein bisschen ein Problem, aber nachdem ich wusste, dass mein Hostel direkt beim Fluss liegt, hab ich ein paar Passanten gefragt wo denn der Fluss sei und insgeheim gehofft, dass auf der anderen Seite nicht auch einer ist. Der Fluss war dann im Endeffekt aber eh relativ leicht zu finden - immer geradeaus. Nachdem ich in meiner Jugendherberge eingecheckt hatte (Schlafsaal mit 6 anderen Mädels), bin ich nur noch ein bisschen in der Innenstadt herumgewandert, um mich mit der Lage vertraut zu machen und ein geschmackloses chinesisches Reisgericht zu essen. Dann wurde mir fad, ich bin zurück ins Hostel und hab mir pflichtbewusst das dieswöchentliche IR-Kapitel über Marxismus durchgelesen (das fürchterlich fad war, weil wir das in PoWi schon gemacht haben).

Glücklicherweise waren das "King Tuts", das Lokal, in dem das Konzert stattgefunden hat, sowie mein Hostel im Lonely Planet empfohlen, also musste ich sie mir nichtmal auf der Karte einzeichnen. Das Lokal war sowieso höchstens 15 Minuten Fußmarsch vom Hostel entfernt, also verlaufen hätte ich mich bestimmt nicht. Aber dann kam der Regen und zwar ordentlich. Als ich angekommen bin, herrschte ja auch nicht unbedingt das beste Wetter, aber als ich mich auf den Weg zum Konzert gemacht habe, ist ein regelrechter Monsun losgebrochen! Man kennt das ja aus Aberdeen, aber die Innenstadt von Glasgow hat scheinbar die Eigenart, irrsinnig leicht zu überfluten, bzw. bildeten sich metertiefe (auf rhetorische Übertreibungen muss in diesem Blog nicht mehr hingewiesen werden) Pfützen auf der Straße, als wäre die ganze Innenstadt ein Eimer oder so. Glücklicherweise wars nicht so windig wie in Aberdeen und so hat mein Schirm die Strecke tapfer durchgehalten.

Beim Lokal angekommen war ich jedenfalls zu erst erleichtert, weil ich dem Unwetter entkommen bin und dann begeistert, weil das "King Tuts" ist wirklich ganz ganz toll. Es wurde sogar mal zur besten Live-Location in Großbritannien gewählt und Oasis sollen angeblich ihren Plattenvertrag bekommen haben, nachdem sie dort gespielt haben. Unten ist eine kleine Bar, die Konzerte finden im ersten Stock statt. Der Konzertbereich ist eigentlich winzig, ich kann mir nicht vorstellen, dass mehr als 200-300 Leute reinpassen würden. Aber genau das hat mir auch so gut gefallen, man ist fast auf Augenhöhe mit den Bands und hat trotzdem gute Sicht. Außerdem waren die Securities und das Barpersonal irrsinnig freundlich, nicht so rumkommandierend wie sie z.B. letztes Jahr in London waren. 

Ich hab mir also ein Bier geholt, einen riesigen PL-Kapuzenpulli gekauft (weil riesige Kapuzenpullis an Mädchen im UK momentan grad wieder in sind), den ersten beiden Vorbands ("Engel" und "Katatonia") gelauscht und ein bisschen den SchottInnen um mich herum zugehört. Bist du denn deppat, der Akzent in Glasgow ist so arg! Die Leute reden so schnell und so witzig, ich könnt sie mir den ganzen Tag anhören, obwohl ich wahrscheinlich kein Wort verstehen würde.

Während ich da also gestanden bin, ist mir immer wieder ein sehr lautes Juchzen/Jodeln im ansonsten herkömmlich Rock-mäßig brüllenden Publikum aufgefallen. Dieses Juchzen/Jodeln hört man nämlich auf der Paradise Lost- DVD auch aus dem Publikum und ich war schon sehr neugierig, wer es produziert haben könnte, das konnte doch kein Zufall sein! Ich hab also den jodelnden Menschen ausfindig gemacht, ihm auf die Schulter getippt und ihn gefragt ob er nicht vielleicht derjenige ist, der auf der DVD herumgejuchzt hat. Er hat sich irrsinnig gefreut, dass ich seine Stimme wiedererkannt habe und sich mir als Peter aus der Schweiz vorgestellt. Wir haben uns dann auf Deutsch weiterunterhalten, obwohl wir auf Englisch vermutlich beide mehr veranden hätten, weil Schweizerisch gegen Österreichisch ist eine beidseitige Herausforderung. Offenbar hat er schon ganz Europa bereist um Paradise Lost zu sehen und diesmal beschlossen, nach Schottland zu kommen. Er hat mich dann noch seinem Kumpel vorgestellt und gemeinsam haben wir uns in die dritte Reihe gestellt, um uns das PL-Konzert anzuschaun.

Dasselbe war übrigens eine Mordsgaudi! Ich glaube, die kleine und gemütliche Location hat einiges zur Laune von Band und Publikum beigetragen. Alle hatten scheinbar irrsinnig viel Spaß und es gab ständige Interaktion und viele Schmähs, was ja bei so einer düsteren Musikrichtung nicht immer selbstverständlich ist. Es war mehr so wie bei einem netten Barabend in irgendeiner Kleinstadt. Beispielsweise hab ich an irgendeiner Stelle mal "Vienna" gebrüllt, um meine Heimat zu repräsentieren und der Sänger hat sofort erstaunt zurückgeechot: "Vienna??" Der Sound war auch ganz hervorragend und nach den eineinhalb Stunden war ich zerzaust und verschwitzt, aber glücklich.




Ich bin dann hinter den Schweizern her zur Bar und dort hab ich ein sehr nettes schottisches Päärchen kennengelernt, mit denen sie sich unterhalten haben. Und dieses nette, schottische Päärchen war zufälligerweise ebenfalls aus Aberdeen, noch ein interessanter Zufall! Wir haben dann noch Lebensgeschichten ausgetauscht, bis das Lokal geschlossen hat und ich bin dann mit Louise und Scott (den beiden Aberdeenern) weiter ins Cathouse. Das ist der größte alternative Club in Glasgow, wo hauptsächlich Rock und Metal gespielt wird. Weil zusätzlich noch der Vorabend von Halloween war, waren dort sehr viele verkleidete Teenager unterwegs, interessanterweise aber nur im ersten Stock des Clubs, nicht im Zweiten. Wir hatten jedenfalls noch einen tollen Abend und die Beiden haben mir sehr nett mit Bier ausgeholfen, weil meine Bankomatkarte nicht funktioniert hat und mir sogar angeboten, mich am nächsten Tag mit dem Auto zurück mit nach Aberdeen zu nehmen. Das Angebot hab ich dann aber abgelehnt, weil ich mir am Vormittag noch ein bisschen Glasgow anschaun wollte. Aber wir haben Nummern ausgetauscht und uns sehr freundschaftlich verabschiedet, man sieht sich also hoffentlich zu Hause wieder!

Zum Glück war das Cathouse nur fünf Minuten von meinem Hostel entfernt, also war ich gleich daheim, als der Club zugesperrt hat. Überraschenderweise war ich die letzte in meinem Schlafsaal die heim gekommen ist. Alle anderen lagen schon friedlich in ihren Betten. Ursprünglich hatte ich ja gedacht, dass es genau umgekehrt sein würde, weil die schließlich alle zu zweit und bestöckelschuht waren, also offensichtlich in Partylaune. Der Nachteil an solchen billigen Schlafsaalzimmern ist jedoch, dass man gleich aufgeweckt wird, wenn die erste in der Früh aufsteht (ich habs übrigens am Abend geschafft, ins Bett zu gehen ohne irgendwen aufzuwecken). Also war ich schon um sieben wieder munter und absolut orientierungslos nach drei Stunden Schlaf. Wollte zwar schon früh aufstehen, aber nicht SO früh. Frühstück war im Preis mitinbegriffen, aber ich musste mit Entsetzen feststellen, dass darin kein Kaffee inkludiert war, nur so ein grauslicher Orangensaft. Ich hab also sofort ausgecheckt, mir beim nächsten Starbucks (der ist im UK nie weit weg) einen enoooaamen Becher Kaffee geholt und mich auf Erkundungstour begeben.

Hier ist ein Foto von Glasgow aus dem achten Stock des Euro Hostels (es ist nicht nebelig, sondern die Scheibe ist dreckig): 





Zuerst hat sich natürlich der River Clyde angeboten, der wie gesagt direkt vorm Hotel war. Um diesen Fluss spielte sich angeblich seinerzeit sehr viel historisches ab. Man kann mit dem Schiff drauf fahren, was ich aber nicht gemacht habe, weil ich nur zwei Stunden Zeit hatte. Habe mich stattdessen damit begnügt, über zwei der vielen Brücken zu gehen, von denen eine ganz fürchterlich geschaukelt hat.





Man kann nicht sagen, dass Glasgow eine besonders schöne Stadt ist. Zumindest nicht schön im Sinne von Edinburgh oder der londoner Innenstadt. Ich würds eher mit Manchester oder Liverpool vergleichen: eine Mischung aus alten, viktorianischen Bauten und neuen pragmatischen Wohngebäuden. Ästhetisch etwas gespalten, aber athmosphärisch irrsinnig interessant. Und das Nachtleben ist, wie ich erfahren durfte, ganz ausgezeichnet.

Ich bin einfach unverbindlich ein bisschen durch das Stadtzentrum spaziert. Der älteste Teil von Glasgow ist das East End, wo sich auch die riesige Kathedrale befindet. Aber die werde ich mir wohl erst das nächste Mal anschaun können. Dafür gibt es im West End die sogenannte "Merchant City". Das ist ein sehr trendiger Stadtteil mit allerlei ausgefallenen Geschäften und Restaurants, wo sich die Glasgower Studenten angeblich am liebsten aufhalten. 

Davor war ich dann noch am St. George's Place, so ziemlich dem größten Platz, den ich ausfindig machen konnte. Dort gibts so allerlei Monumente, unter anderem von Robert Burns, dem schottischen Nationaldichter.





Direkt dahinter ist die Gallery of Modern Art. Die ist gratis und dort bin ich dann auch reingegangen, weil ich gelesen habe, dass dort momentan eine Ausstellung zum Thema "Kunst und Menschenrechte" lief und das hat mich schon sehr interessiert. Konkret gings in der Ausstellung darum, wie sich Kunst für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transsexuellen usw. einsetzt, was teilweise zu sehr provokanten Werken geführt hat. Leider durfte man dort drinnen aber keine Fotos machen.




Eine wohlbehütete Statue vor der Gallerie:


Zurück zum Busbahnhof bin ich über die Buchanan Street gegangen. Das ist eine Einkaufsstraße und Fußgängezone, auf der es einige edlere und einige kreativere Geschäfte und einen Haufen StraßenmusikerInnen gibt. Hauptsächlich natürlich bekiltete Typen mit Dudelsäcken...für die Touristen.




Die Busfahrt hab ich dann mehr oder weniger im Halbschlaf zugebracht und mich in Aberdeen noch gerade irgendwie zurück nach Hillhead geschleppt. Ich war so müde, dass ich sogar die Einladung meiner Mitbewohnerinnen ausgeschlagen habe, mit ihnen auf die eine oder andere Halloween-Party zu gehen (deswegen und weil ich kein Kostüm hatte). Dabei hätte mich das schon interessiert, aber ich war einfach zu kaputt. Aberdeen hatte angeblich dieses Wochenende übrigens ausnahmsweise besseres Wetter als Glasgow. Aber ich hatte trotzdem sehr viel Spaß und freu mich schon aufs nächste Mal!

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