Ich hab mir gedacht, ich schreib wieder mal was, obwohl ich seit Inverness keine Ausflüge mehr gemacht hab. Das Wetter war einfach zu schlecht. Es regnete die ganze Zeit und man wollte sich einfach nur daheim einrollen und Tee trinken. Mittlerweile bin ich sogar überraschter, wenn es mal nicht gießt, aber das gehört glaub ich dazu. Jedenfalls hab ich mich in der letzten Woche eher auf mein Sozialleben konzentriert als darauf, das Land kennenzulernen, i.e. ich war damit beschäftigt, alle möglichen Leute kennenzulernen und mit meinen Mitbewohnerinnen um die Häuser zu ziehen. Damit bin ich aber eigentlich auch sehr zufrieden. Es geht schließlich auch darum, neue Freunde zu finden.
Einige erwähnenswerte Ereignisse gibt es aber trotzdem. Letzte Woche hatte ich beispielsweise die eigenartigste Vorlesung der Gegenwart. Angefangen hat alles damit, dass wir für unseren Literaturkurs so einen konfusen und verwirrenden postmodernen Roman lesen mussten, bei dem man sich nicht auskennt und der alles auf den Kopf stellt, etc. Um die Struktur dieses Romans zu verdeutlichen, hat sich der Professor scheinbar gedacht, die Vorlesung auch etwas alternativer zu gestalten: als wir um 9 in der Früh reinkamen, war es im Hörsaal finster, das Zimmer wurde nur von ein paar Teelichtern erhellt, die über die Bänke verteilt waren. Am Rednerpult stand ein großer, antik anmutender Kerzenständer. Außerdem war rund um den Computer eine Lichterkette drapiert, die dann im Laufe der Vorlesung eingeschalten wurde. Um seinem gespielten Frust über das komplizierte Buch Ausdruck zu verleihen hat der Professor die Struktur seines Vortrags auch etwas progressiver gestaltet, also drei Mal neu angesetzt, mit dem Schluss angefangen usw. Außerdem hat er in kleinen Videoinstallationen seinen Co-Lecturer als Geist auftreten lassen, der mit ihm schimpft. Am witzigsten war aber, dass er im Laufe der Vorlesung zwei Bier getrunken und mindestens ein halbes Packerl Zigarretten geraucht hat. Als ich rausgegangen bin, war ich jedenfalls so verwundert von der ganzen Sache, dass ich mich echt gefragt habe, ob das gerade wirklich passiert war oder ich mir das nur eingebildet habe. Alles in allem hab ich diese exotische Vorlesung aber sehr lustig gefunden. Die Leute könnten ruhig grundsätzlich etwas kreativer sein!
Diese Woche ist außerdem Halloween und deswegen gibts überall einige mehr oder weniger gruselige Veranstaltungen (abgesehen davon, dass die Fresher wieder einen Grund haben, die ganze Zeit verkleidet rumzulaufen). Am Montag war ich beispielsweise bei einem Ghost Walk der English Society. Bei einem Ghost Walk trifft man sich wenn es dunkel ist in irgendeinem Stadtteil und einer oder mehrere Erzähler führen einen durch die Gegend und erzählen schauderhafte Ereignisse, die sich an bestimmten Orten zugetragen haben. Unser Ghost Walk führte uns über den Universitätscampus, der ja schon über 500 Jahre alt ist und daher viel mitgemacht hat. Am Anfang sind wir über den Friedhof einer alten Kirche gegangen und später eben immer weiter durch die kleinen, kuscheligen Seitengassen von Old Aberdeen, wo es auch immer wieder kleine versteckte Häuser und Friedhöfe zu entdecken gibt. Der Ghostwalk war insgesamt also eher lauschig statt gruselig. Das kann auch mit dem Vortrag zusammenhängen. Die Vertreterinnen der English-Society haben die Gruselgechichten erzählt, als würden sie ein Referat halten: "Ja also da oben hat sich mal einer aufgehängt und das ist traurig und manchmal kann man ihn nachts noch schreien hören und ich finde, das ist sehr gruselig". Der Funke ist emotional jedenfalls nicht übergesprungen. Damit die Ruhe aufrecht erhalten wird und niemand bei jemandem steht, den er kennen könnte, haben sie die Versammelten außerdem in zwei Gruppen eingeteilt und jeder musste sich einen Partner suchen, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Das hatte aber so ziemlich den gegenteiligen Effekt: anstatt dass man mit dem neuen Partner in betretenes Schweigen verfallen wäre, haben sich alle redlich bemüht, ihre Partner kennenzulernen. Ich hab mich mit meinem z.B. eine Viertelstunde lang so blendend unterhalten, dass ich die Spezialeffekte verpsst habe. Vier verkleidete Personen haben sie nämlich auch eingeteilt, die ab und zu mal wo raushüpfen und schauderhafte Schreie ausstoßen sollten. Das hatte allerdings auch nicht den Effekt, den sie sich erwartet hatten. Ich hab die Leute zum Beispiel gar nicht bemerkt, bis mich am Schluss jemand auf sie aufmerksam gemacht hat. Aber ich beschwer mich nicht, es war gratis und man hatte die Möglichkeit, den Campus bei Nacht zu sehen.
Gestern hab ich mir dann in der aberdeener Music Hall "Nosferatu" angeschaut. Das ist ein alter Stummfilm aus den 1920ern (aber das weiß glaub ich eh fast jeder), den ich schon immer mal sehen wollte, mich aber nicht getraut habe, weil ich angst hatte, dass ich Angst kriegen könnte. Gestern habe ich es aber trotzdem gewagt. Die Vorstellung war sehr nett, weil ein berühmter Musiker den Stummfilm auf einem riesigen Instrument begleitet hat, das ausgesehen hat wie eine Mischung aus Orgel, Ziehharmonika und Wurlitzer. Die Musik war wirklich beeindruckend und so ziemlich das Gruseligste an dem Film. Der ist nämlich scheinbar schon so alt, dass nichtmal ich mich davor fürchten könnte. Aber wenigstens hab ich ihn jetzt gesehen.
Am Samstag ist dann das richtige Halloween. Bin schon gespannt, weil das ist hier ja noch eine größere Sache als in Österreich (dort kann ich mich darüber aufregen, weil es nicht ein Teil unserer Kultur ist und nur dem Ausbau der Marktwirtschaft dient und überhaupt, aber hier gehört das irgendwie dazu). Morgen fahr ich nach Glasgow, um mir Paradise Lost anzuschauen. Dann gibts wahrscheinlich auch wieder Fotos. (Falls ich es überlebe, weil ich alleine unterwegs bin und es in Glasgow ja angeblich so viel Verbrechen gibt. Hihi...)
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