Am Samstag haben wir beschlossen uns ein wenig touristisch zu betätigen und sind zu viert nach Stonehaven aufgebrochen. Das ist eine kleine Küstenstadt, die ca. 30 Kilometer von Aberdeen entfernt ist. Vom aberdeener Hafen geht direkt ein Bus hin, der auch überraschend billig ist. Er bleibt zwar bei jedem Misthaufen stehen, aber so sieht man wenigstens was von der Welt. Das schöne an dieser speziellen Busroute ist, dass man die meiste Zeit direkt an der Küste vorbeifährt und das Meer sehen kann. Außerdem klappert man unterwegs auch viele andere nette Kleinstädte ab und kann schon mal abchecken, ob man da vielleicht auch mal hin fahren sollte.
Stonehaven selber ist entzückend und macht einen verschlafenen und idyllischen Eindruck. Allerdings scheint es ein sehr beliebtes Ausflugsziel zu sein, vor allem für Pensionisten und Familien mit Kindern. Es besteht hauptsächlich aus den kleinen grauen Granithäusern, die auch in Aberdeen selber vorherrschend sind, zwischendrinnen gibt es einige kleine Kirchen, mit Wetterhähnen am Dach, die anzeigen, wie das Wetter werden wird, weil das ja für die Seefahrt von großer Bedeutung ist. Außerdem hat die Stadt einen kleinen Hafen und einige Kilometer Strand. Im Gegensatz zum Strand in Aberdeen wird die Sicht auf den Horizont auch nicht von Tankern und Ölbohrinseln unterbrochen. Das Wetter war übrigens traumhaft. Man konnte kurzärmelig herumrennen und es war keine einzige Wolke am Himmel. Das ist auch den ganzen Tag so geblieben. Die Anzeige der Wetterhähne war immer auf "fine". Ich betone das, um dem Klischee zu widersprechen, in Schottland wäre es andauernd nebelig. Nebel hab ich bis jetzt sogar leider noch gar keinen gesehen, aber das kommt sicher noch.
Direkt vom Hafen führt ein Küstenpfad zum Schloss Dunnotar, das etwa 2,5 Meilen entfernt ist. Auf diesen, zuerst sehr steilen, aber zunehmend angenehmer werdenden, Pfad haben wir uns dann auch begeben. Der Anblick der Klippen, des Meers und der Stadt von oben war einfach überwältigend. Auf der einen Seite erstreckt sich das Meer, auf der anderen dehnen sich kilometerweit Felder und Weiden aus. Wenn man dort oben steht, hat man das Gefühl, die ganze Welt läge vor einem. Es gibt nichts, was einengt, gleichzeitig kommt man sich aber auch klein und zerbrechlich vor. Ich war zwar schon in Wales und Cornwall klippenkraxln, aber es ist immer wieder ein besonderes Gefühl.
Nach einer halben Stunde wurde dann die Sicht auf Dunnotar Castle freigegeben und man hatte die von Reiseführern und Bildkalendern beeinflusste Bestätigung: "Aye, ich bin in Schottland". Das Schloss ist eigentlich mehr oder weniger eine Ruine, nur sehr wenige komplette Gebäude sind noch erhalten und einige wurden teilweise rekonstruiert, was man auch merkt. Es befindet sich auf einer vorragenden Klippe und hat nur einen Eingang. Deswegen war es wohl sehr schwer einzunehmen. Zusätzlich ist es auch gut vor feindlichen Blicken geschützt. Man kann es eigentlich nur von Stonehaven kommend sehen, von der anderen Seite wird es durch Hügel verdeckt. Hier hat William Wallace übrigens angeblich vor 1000 Jahren eine Kapelle mit englischen Soldaten in Brand gesteckt - wa'hey!
Nachdem wir gemütlich in der Sonne unsere mitgebrachten Sandwitches verzehrt hatten, hatten wir die Gelegenheit, ein Mittelalterspiel zu bestaunen, das einen über die Geschichte des Schlosses informieren sollte. Es war im Prinzip eine recht unspektakuläre pantomimische Darstellung von einem Haufen verkleideter Menschen zu Musik und Ansprachen, die aus einem Lautsprecher kamen. Zum Schluss hatte man dann noch die Möglichkeit, sich mit den mittelalterlichen Gestalten fotografieren zu lassen bzw. wurde fast dazu gezwungen, weil einige von ihnen wie wild durch die Menge marschiert sind, auf der Suche nach Touristen, die ein Foto von ihnen haben wollten oder auch nicht (es wäre unghöflich gewesen, abzulehnen). Mit zwei von den Laienschauspielern haben wir uns dann auch unterhalten, die waren sehr nett. An dem Tag fand im Schloss zufällig auch noch eine Hochzeit statt, weswegen viele Damen mit rosa Hüten und Männer in Kilts unterwegs waren. Der Dudelsackspieler, der die Feier untermalen sollte, kam erst an, nachdem wir das Schloss schon verlassen hatten, aber man konnte sein Spiel bis auf die Klippen hören. Wir hatten also noch einen letzten Blick auf das Schloss, untermalt von Dudelsackmusik, genau so wie es in Dokumentationen immer angepriesen wird. Es war fast zu kitschig um wahr zu sein.
Zurück nach Stonehaven sind wir nicht zurück über die Klippen, sondern durch einen kleinen Wald. Das dürfte für einheimische Spaziergänger besonders attraktiv sein, weil es in Schottland sehr wenig Wald gibt. Bäume wachsen hier anscheinend nicht besonders gut, entweder wegen der Bodenbeschaffenheit oder weil das Areal zu hoch gelegen ist. Aberdeenshire befindet sich in den Central Highlands und liegt damit noch etwas tiefer als die nördlichen Highlands, wo angeblich gar keine Bäume mehr wachsen. Im Wald gab es einige kleinere "Attraktionen", wie z.B. Lady Kennedy's Bath, ein kleines Becken aus Stein mitten in einem Fluss, den die Lady angeblich bauen lassen hat, damit ihre Kinder sicher im Wasser spielen konnten. Außerdem konnte man das sogenannte "Shell House" besichtigen, ein winziges Ziegelgebäude, das innen komplett mit Muscheln und Schneckenhäusern ausgelegt ist. Seinen Zweck konnte ich allerdings nicht erraten. Vielleicht wurde es auch als Kinderspielzeug konstruiert, weil es wirklich winzig ist. Einen alten Galgenhügel gibt es in dem Wald auch, den konnte man allerdings nicht identifizieren, weil sich darauf kein Galgen mehr befindet. Im Mittelalter wurden dort laut Tourismusbüro jedoch ständig Leute wegen Lappalien hingerichtet. Beispielsweise wenn sie Kartoffeln gestohlen hatten.
Nachdem wir an diesem Tag mindestens 10 Kilometer zurückgelegt hatten, haben wir uns noch gemütlich mit einer enormen Portion Fish & Chips auf eine Bank am Strand in Stonehaven gesetzt, bevor es wieder zurück nach Aberdeen ging. Im Heim war ich dann so fertig, dass ich 11 Stunden durchgeschlafen habe, aber es hat sich auf jeden fall gelohnt. Wenn ich zurück nach Österreich komme, bin ich sicher braungebrannt und muskelbepackt, yaharr!
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