Montag, 12. Oktober 2009

Castletrail - die Zweite

Direkt hinter Aberdeen beginnt Schottlands "Castle Trail", für den die Gegend furchtbar berühmt ist. Das ist eine Reihe von Schlössern, die sich über die ganze Gegend verteilen. Einige werden sich das vielleicht schon gedacht haben, weil ich schließlich schon einmal von einem Schlossbesuch berichtet habe, aber ich hab mir gedacht, ich erwähne es trotzdem, der Vollständigkeit halber. In Kärnten gibt es zwar auch Schlösser und Burgen zum Saufüttern, aber sie sind scheinbar nicht so legendenumrankt wie die schottischen Schlösser. Schottlands "Whiskey Trail" beginnt übrigens auch irgendwo um Aberdeen. Das ist eine Reihe von Whiskey- Distillerien, wo die ältesten schottischen Whiskeysorten hergestellt werden. Wieder ein Klischee erfüllt. Die eine oder andere Distillerie möchte ich mir schon auch anschaun, obwohl ich nicht wahnsinnig versessen auf Whiskey bin. Trotzdem, es gehört irgendwie dazu. Muss nur jemanden überreden, mitzukommen, was ein bisschen schwer ist, weil die meisten Leute, die ich hier bis jetzt kenne, auch nicht so versessen auf Whiskey sind. 

Nachdem wir letztes Wochenende wegen Gemeinschaftsschnupfen keinen Ausflug machen konnten, mussten wir das diesen Samstag unbedingt nachholen. Wir sind also in aller Früh (OK, um 9, aber aus meiner Sicht mitten in der Nacht) zu neunt richtung Busbahnhof aufgebrochen. Die Gruppe setzte sich zusammen aus vier Österreicherinnen, zwei Deutschen, einer Amerikanerin, einer Mexikanerin und einem Franzosen. Ziemlich international also, meine britischen Mitbewohnerinnen konnte ich für den Ausflug allerdings nicht begeistern. Einheimische finden meinen Tourismuswahn wahrscheinlich ein bisschen eigenartig, aber nachdem ich letztens erfahren habe, dass es im tiefsten Winter schon um drei Uhr am Nachmittag finster wird, hab ich jetzt einen ziemlichen Stress, vor Anbruch der skandinavischen Dunkelheit möglichst viel Countryside zu sehen. Ich bin schließlich nur drei Monate hier und wer weiß ob ich jemals wiederkomme.

Das Wetter war....ähm....eigentlich eh ganz gut. Gut, es hat geregnet, aber der Regen kam immerhin relativ senkrecht und nicht so stark. Am Vortag war ich in der Stadt und da hats fast apokalyptisch gegossen, begleitet von einem mehr als grantigen Desmond. Der Regen kam also fast waagrecht und aus allen möglichen Richtungen. Komplett nass zu werden war unvermeidlich. Durch den Gebrauch eines Schirms konnte man sich nur aussuchen, auf welchen Teil seines Körpers man das Wasser am ehesten lenken wollte. Wie im Monsun! Daher: ein großes Hurra dem Nieselregen! Ideal wars natürlich trotzdem nicht, weil das Regenwetter von einer ziemlichen Kälte begleitet wurde, aber wir sind eh so schnell wie möglich ins erste Schloss rein.



Das Schloss heißt Crathes Castle und liegt leider nicht am Meer, aber in einer recht idyllischen ländlichen Gegend (die aussieht wie Niederösterreich) und ist mit dem Bus in nichtmal einer Dreiviertelstunde erreichbar. Rundherum grasen Kühe. Überhaupt grasen hier zu viele Kühe für meinen Geschmack. Das ist ja schon wie zu Hause! Und nein, es sind keine Hochlandlandrinder, sondern ganz normale gescheckte Kühe - langweilig! Wenigstens ein paar Schafe hätten sie mir in die Landschaft stellen können. Das Schloss ist aus dem 16. Jahrhundert und jetzt nicht mehr in Privatbesitz, obwohl die Ursprungsfamilie bis in die 50er des 20. Jahrhunderts dort gewohnt hat. Dann haben sie den Besitz aber an den/die/das National Trust abgegeben, damit die Allgemeinheit auch davon profitiert, hat uns die Frau am Eingang gesagt. Ich vermute aber insgeheim, dass es einfach ein Horror war, das Schloss zu putzen und zu heizen. Geschweige denn dort W-Lan zu verlegen. Bei den dicken Wänden hätte man für jedes Zimmer einen eigenen Rooter gebraucht. (Bin ich jetzt eigenartig, weil ich bei uralten Schlössern sofort an die Probleme des Internetzugangs denke? - wahrscheinlich). Das Schloss war aber eigentlich eh relativ klein. OK, schon groß wenn man es mit einem Einfamilienhaus vergleicht, aber jetzt nicht so beeindruckend enorm wie beispielsweise das Disney- Schloss. Dafür konnte man es von innen besichtigen und so auch die alten Möbel, Dokumente und Deckengemälde bestaunen. Allerdings durfte man aus Konservationsgründen keine Fotos machen. Das wurde auch recht streng überwacht, in jedem größeren Raum stand eine Freiwillige, die aber auch Geschichten zum jeweiligen Raum erzählt hat, das war sehr interessant. Das Schloss hat selbstverständlich auch ein eigenes Gespenst: die Green Lady. Warum sie so genannt wird, weiß ich nicht so genau. Vielleicht ist ihr schlecht oder sie ist mit Algen überwuchert. Jedenfalls zeichnet sich ihr Spuk dadurch aus, dass sie ein Baby im Arm trägt. Die Gänge und Stiegenhäuser im Schloss sind enorm niedrig. Außerdem ist die elfte Stufe höher als die restlichen. Das gehörte zur Verteidigung des Schlosses, weil der Feind sich so immer ducken musste, nicht so schnell vorwärts kam und - wenn die Schlossbesitzer Glück hatten - stolperte und sich den Hals brach. Das wäre allerdings ein weiterer Gund, in Friedenszeiten nicht dort wohnen zu bleiben. Wenn man nachts leicht angeheitert vom Fortgehn heim kommt und sein Schlafzimmer im Dachgeschoß hat, passiert es sicher regelmäßig, dass man sich auf dem Weg dorthin mehrere Beulen und Knochenbrüche zuzieht. 

Vom obersten Stock des Schlosses hatte man eine gute Aussicht auf den wunderbar herbstlich bunt gefärbten Garten. Den haben wir dann auch besichtigt, weil es im Eintrittspreis inbegriffen war. In dem Garten kämpften tapfer viele verschiedene Blumen- und Pflanzenarten gegen die Kälte an. Im angrenzenden Café haben wir dann unsere mitgebrachten Sandwitches verzehrt und Unmengen von Postkarten gekauft. Ich hab jetzt schon 14 und brauch ca. noch einmal 14, dann kann ich sie endlich abschicken! 



Da die Buslinie bei einem weiteren Schloss, nämlich dem Drum-Castle vorbeifuhr, haben wir beschlossen, uns das auch gleich anzuschaun. Leider war es schon geschlossen (wie viele Schlösser in der kalten jahreszeit) und man konnte es nur von außen besichtigen. Von außen war es allerdings um einiges beeindruckender als das Crathes Castle. Es ist ca. 200 Jahre älter und sieht Schloss-mäßiger aus, weniger wie eine Residenz. Eine Hochzeit war dort scheinbar auch wieder einmal, jedenfalls ist eine Familie im Kilt herumspaziert. Die Frau hatte keinen an, nur der Mann und das Kind, dafür hatte sie einen enormen Hut auf, so wie sich das gehört. Leider hatte ich Hemmungen und konnte kein Foto machen. Vielleicht hat aber jemand anderes eines.



Als wir in den Bus zurück nach Aberdeen eingestiegen sind, kam - wie könnte es auch anders sein - die Sonne zum Vorschein und es herrschte Traumwetter. Deswegen beschlossen Steffi (Austria), Carolina (Mexiko) und ich, noch ein bisschen zum Hafen zu gehen, weil wir dort noch nicht so viel Zeit verbracht hatten. Leider ist der Hafen in Aberdeen relativ unzugänglich für Spaziergänger und man kann ihn sich nur durch einen hohen Metallzaun ansehen. Wir haben den Hafen also umrundet und waren plötzlich wieder am Strand von Footdee. Dort haben wir uns gemütlich in ein Lokal gesetzt und Fish & Chips und Eis gegessen, während wir dem Meer gelauscht haben (die Wellen waren super). Zurück nach Hillhead sind wir wieder über die Promenade gegangen. Nachdem es schon relativ spät war, konnten wir das Abendrot über Aberdeen sehen. Insgesamt ein schöner Ausklang: 


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