Ich habe jetzt schon länger nichts mehr geschrieben, der Alltag hat sich nämlich sehr schnell eingestellt, muss ich sagen. Ich hab das Gefühl, als wäre ich schon ewig hier und da ich nicht wirklich ein Web-Tagebuch führen möchte, wo ich wirklich jeden Blödsinn reinschreibe, sondern eher neue oder bemerkenswerte Ereignisse festhalten möchte, wird es hier in nächster Zeit vermutlich etwas ruhiger zugehen. Nach der Fresher's Week hat sich alles ein bisschen beruhigt. Menschen toben nicht mehr jede Nacht vor meinem Fenster, niemand zieht sich mehr freiwillig einen Kilt an und so viele Termine habe ich jetzt auch nicht mehr. Es ist hier wirklich (wenig überraschend) sehr ähnlich wie in England, deshalb fallen mir aus österreichischer Sicht exotische Dinge wahrscheinlich nicht mehr so stark auf, weil ich sie shon festgehalten und erzählt habe, als ich in England war. Außerdem war es dadurch natürlich leichter, mich einzugewöhnen. Das ist einerseits gut, weil man nicht mit den üblichen Hindernissen (wie-funktioniert-was-wo-bekomm-ich-das-her-wieso-reden-die-Leute-alle-so-komisch) zu kämpfen hat, andererseits ist es aber natürlich auch nicht so aufregend, wie wenn man in ein gänzlich unbekanntes Land kommt. Trotzdem ist es schön, wieder hier zu sein, diesmal in einer etwas unabhängigeren Lage,was auch ein Vorteil ist.
Nun aber vielleicht zum Unialltag, weil das für manche auch interessant sein könnte: Ich mache zwei Kurse, einen über irische und schottische Literatur (siehe die untere Schimpftirade) und einen Einführungskurs aus Internationale Entwicklung, weil ich mir den für die Japanologie anrechnen lassen kann. Das klingt vielleicht ein bisschen wenig, ist es auch. Ich habe nur 7 Stunden Unterricht die Woche und vier Tage frei. Allerdings muss man einiges mehr selbstständig erarbeiten als auf der Uni Wien, wobei das dort ja schon eine ganze Menge ist. Für den Literaturkurs muss ich jede Woche ein Buch lesen, was vor allem am Anfang recht spaßig werden wird, weil das durchgehend Gedichtbände sind. Ich lese normalerweise eh mindestens ein Buch pro Woche. Dass ich das jetzt verpflichtend machen muss ist an und für sich toll und ich hab auch nix gegen das Lesen von Gedichten, bin jedoch der Meinung, dass man ab und zu auch ein bisschen Prosa lesen sollte, weil sonst wird man wunderlich und kann nicht mehr normal reden gar, das wäre wahrlich furchterbar. Für die benötigte Prosa sorgt dann der IE- Kurs: Lauter staubtrockenes, theoretisches Zeug, das man am liebsten dem oder der UrheberIn nachts in einer dunklen Ecke ein paar Mal ordentlich um die Ohren hauen möchte nachdem man es vorher auf Ziegelsteine kopiert hat.
Ursprünglich wollte ich ja auf der IR den einzigen Kurs machen, der was mit Japan zu tun hatte und sich eigentlich ganz interessant angehört hat. Nachdem der dieses Semester aber nicht stattfindet, habe ich mich stattdessen für einen trockenen Grundlagenkurs entschieden, weil der sich irgendwie....wichtig angehört hat. Auf der Anglistik gäbe es noch hundert interessantere Kurse, aber die brauche ich nicht wirklich und kann sie mir auf der Japanologie nicht anrechnen lassen, weil sie sich zu sehr auf Englisch beziehen (Tod und Verderben!). Danke vielmals, liebe Studienprogrammleitung! Einen weiteren Kurs kann ich auch nicht machen, weil man insgesamt nur etwa 60 Credits belegen sollte und meine Kurse haben schon jeweils 30.
Diese Credits geben an, wieviel man für einen Kurs ca arbeiten muss, inklusive Teilnahme eben. Das betrifft die Leserei und das Schreiben von Essay, von denen ich zwei 10-seitige Mitte November abgeben muss. Die Anforderungen an die Arbeiten sind aber glaube ich geringer als die, die in Wien gestellt werden. Man muss weniger schreiben und weniger Sekundärliteratur verwenden. Ich hab mir den Studienplan von der Anglistik in Aberdeen angeschaut und die müssen im vierten Jahr eine Diplomarbeit von 20 (!) Seiten schreiben und erhalten dafür persönliche Betreuung. Aussteigen tun sie dann mit einem Master, genau wie wir, nur dass wir 100 Seiten schreiben müssen, ohne persönliche Betreuung und mit ein paar mehr Steinen- oder sollte ich sagen - Gebirgen/Highlands - im Weg. Unverschämtheit! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich gleich hier studiert. Was sind denn schon 1000 Euro mehr pro Semester? (Ein Haufen, ich weiß eh und ich schreib eh meine 100 Seiten - außerdem kriegen wir mehr Sonne im Jahresdurchschnitt und haben voll super Lebensmittel wie Schwarzbrot und Schnitzel und sind deswegen Lifestyle-mäßig ideal situiert, das weiß ich auch, die armen Schotten usw. blablabla...trotzdem isses eine Frechheit!)
Meine 7 Stunden teilen sich in vier Stunden Vorlesung, zwei Stunden Seminar und eine Stunde Tutorial auf. Die Vorlesungen sind so wie bei uns: man sitzt halt drinnen und es redet einer mehr oder weniger schnell und unterhaltsam über ein vorgegebenes Thema. Das Tutorial wird wohl sowas wie eine Übung sein, wo man selber auch was reden muss, aber dort war ich noch nicht, also kann ich auch nichts darüber sagen. Die Vorlesung in IE hat sogar fast wienerische Ausmaße. Es sitzen sicher so um die 300 Leute im Saal und alle Sitzplätze sind immer belegt. Das ist nämlich scheinbar eine Pflichtveranstaltung aus dem ersten Jahr. Ich brauche wohl nicht mehr hinzuzufügen, dass daher die meisten Leute, die sie besuchen, 17 sind *seufz*. Die Literatur-Vorlesung ist im Vergleich winzig. Es sitzt eine Gruppe von 30 Leuten drinnen, die aber für die Seminare weiter geteilt wird. Es sitzen also nur angenehme 15 Leute in meinem Seminar. Das hatte ich heute zum ersten Mal - hat mir gefallen. Am Anfang mussten wir unseren Nachbarn vorstellen: Name, Herkunft, Lieblingsobst und was wir machen würden, wenn wir unendlich viel Geld hätten, aber nur noch einen Tag zu leben hätten. So merkt man sich scheinbar die Leute leichter. Es ist wirklich so, Namen hab ich mir keine gemerkt, aber das Lieblingsobst und die Weltuntergangsphantasien von meinen jeweiligen KollegInnen. Wenn ich ihnen in ein paar Jahren wieder über den Weg laufen sollte, werde ich mir wahrscheinlich denken: "Ah, da schau her, der Herr Pfirsich!"
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