Montag, 5. Oktober 2009

Spaziergang im Delirium


Ich bin verkühlt. Das ganze Heim ist verkühlt. Ganz Aberdeen ist verkühlt! Schon in der ersten Woche konnte man die ersten Bewohner beobachten, wie sie sich ununterbrochen schneuzten oder heiser, hustend und hundsmiserabel auf der Uni herumgeschlichen sind, weil man zum Fehlen ein Medical Certificate braucht, aber niemand wegen einer Erkältung zum Arzt geht. Den Arzt ausfindig zu machen wäre wahrscheinlich sowieso komplizierter gewesen als den Hörsaal zu finden. Auf meine Wohnung hat die Seuche erst am Wochenende übergegriffen und ich habe optimistisch alle meine vielen Grippemedikamente, die ich aus Österreich mitgebracht habe, an andere weitergeschenkt, weil ich werde enorm selten krank. Das könnte einerseits auf meine gesunde Ernährung (Pizza, Baked Beans und Pizza) zurückzuführen sein, andererseits aber auch darauf, dass ich mehrere Jahre im wienerischen Haus Döbling gewohnt habe und dort wird man immun gegen fast alles. Hab ich gedacht. Nachdem sich der Schnupfen aber bereits am Samstag durch ein sanftes Kratzen im Hals angedeutet hat, hat er am Sonntag auch mich mit voller Wucht erwischt. 

Zu Hause bleiben und gemütlich Tee trinken hätte sich also als gerechtfertigte Freizeitbeschäftigung angeboten. Aber mein Pflichtbewusstsein gebot es mir, rauszugehen und die Welt zu erkunden. Ich bin schließlich eine Erasmus- Studentin und muss viele lustige Abenteuer erleben während ich hier bin, sonst muss ich mein Stipendium zurückzahlen. Nein. Aber es gehört sich trotzdem nicht, während eines Auslandsstudiums zu viel zu Hause zu sitzen und zu studieren. Außerdem war der Sonntag ein enorm schöner Tag. Die Sonne stand hoch am Himmel und Desmond hat sich gnädigerweise zurückgehalten (obwohl er am Samstag im Park einige Bäume umgeweht hat, hab ich heute gesehen).

Ich hab mir also eine Walking Guide ausgeborgt und beschlossen, die paar Kilometer Strandpromenade in Aberdeen entlang zu spazieren. Man geht die ganze Zeit am Strand entlang, nur ohne Sand in die Schuhe zu bekommen und das klang schon sehr verlockend. Auf der Suche nach dieser Promenade musste ich zuerst einige mit Gras bewachsene Dünen überqueren und wäre dabei ein paar Mal fast abgeszürzt bzw hab mich an den langen, bösen Grasbüscheln geschnitten. Nachdem ich mich eine Weile durch das Gestrüpp gekämpft und die asphaltierte Promenade erreicht hatte, musste ich außerdem noch feststellen, dass sie über eine ganz normale Straße genau so gut erreichbar gewesen wäre. Aber unwissend erlebt man wahrscheinlich die lustigsten Abenteuer. Die Promenade reicht von der Bridge on Don (das ist der Fluss) bis in ein kleines Dorf namens Footdee (heißer Ortstafel-Tipp für Fußballfans), also von der Mündung des Flusses Don bis zu der des Flusses Dee. Das Meer war wegen Desmonds Wut vom Vortag noch ziemlich in Bewegung und am Beginn des Ausflugs dachte ich mir insgeheim, dass das eigentlich perfekte Voraussetzungen zum Surfen wären, wenn es nur nicht so kalt wäre. Siehe da, nach 200 Metern begegne ich der ersten Surferin, die sich todesmutig in die Fluten stürzt und das auch noch ziemlich gut kann. Wenn am Strand nicht alle bis unter die Nase vermummt herumspaziert wären, hätte fast sommerliches Australien-Flair aufkommen können. Eine größere Gruppe Surfer hab ich dann gesehen, als ich näher Richtung Footdee gekommen bin. Vielleicht der Surfclub der Uni (der angeblich auch im Winter sehr aktiv ist)? Bewundernswert, aber beim bloßen Anblick hat mir der Hals gleich um einiges mehr weh getan.

Ein paar nette Beobachtungen auf dem Spaziergang waren der Hafen, in den ein Haufen riesiger Industrieschiffe eingelaufen sind, sowie ein Leuchtturm! Den werde ich irgendwann genauer unter die Lupe nehmen, wenn ich mehr Zeit und weniger Schnupfen habe! Außerdem gibt es Richtung Footdee einige nette Cafes, Fish & Chips Takeaways, einen kleinen Vergnügungspark UND einen Burger King. Im Reiseführer steht, dass diese Promenade von den Einheimischen mit Nostalgie genossen wird, weil sie früher viel glorreicher und lebendiger war. Die industriellen Blütejahre von Aberdeen sind nämlich scheinbar auch schon wieder vorbei. Ein interessantes Phänomen war auch, wie viele Leute einfach in ihren Autos sitzen geblieben sind und sich das Meer angesehen haben. Hinter der Promenade gibt es fast durchgehend Parkplätze mit Meerblick und dort sind sie alle im Auto gesessen und haben sich unterhalten, Kaffee getrunken oder gelesen.

Eine kuschelige Ecke von Footdee:



Footdee selber wollte ich dann nicht noch genauer erkunden, weil ich mittlerweile furchtbare Kopfschmerzen hatte und doch schon recht müde war, ich Depp. Auf dem Rückweg hab ich zufällig meinen Blick gen Himmel gerichtet und da ist mir aufgefallen, dass dort oben schwarze Striche umherglitten, ineinander übergingen und immer wieder neue Muster bildeten. Nein, das war kein Fiebertraum, das waren Vögel, die in den Süden flogen! Hunderte von Vögeln in V-Formation! Ich hab zwar in Biologie gelernt, dass Vögel das machen, aber so eine Massenmigration hab ich noch nie gesehen. Man konnte in die Muster, die die Vögel bildeten, regelrecht Bilder reininterpretieren, so viele waren es. Wie ein lebendiger Rohrschach-Test!  Hier hab ich ein Foto:



2 Kommentare:

  1. Wow, das Vogelbild ist wirklich beeindruckend! Aber ich musste jetzt wirklich ein paar mal Schmunzeln, vor allem nachdem du dein starkes Immunsystem auf deine gute Ernährung (kenn ich irgendwoher) und den Verhältnissen des Studentensheims zurückgeführt hast (das kenn ich auch irgendwoher) aber ich werd normalerweise auch wirklich nur selten krank und jetzt bin ichs auch geworden >_<

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  2. Auweh, vielleicht ist das die ungewohnte Wetterumstellung? Wünsch dir jedenfalls gute Besserung! ^^

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